Stress im See

Laut Angaben des Bundesamtes für Naturschutz sind 66 Prozent der deutschen Binnengewässer von einer Eutrophierung bedroht. Für eine erfolgreiche Renaturierung wie beim Bodensee fehlen meist die finanziellen Mittel.

Bericht von Sonja Scharnert

 
   

 

Die Rote Liste gefährdeter Biotop-Typen (herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz) gibt für Binnengewässer, die von Eutrophierung bedroht sind, einen Wert von 66 Prozent von ingesamt 59 untersuchten Objekten an. Das Phänomen der Eutrophierung ist auf ein Überangebot an Nährstoffen zurückzuführen (gr.: eutroph = nährstoffreich). Nitrate und Phosphate gelangen über die Düngung der Felder in den See. Phosphate kommen zusätzlich durch das Einleiten von Industrie- und Haushaltsabwässern hinein, aus denen sie nicht oder nur ungenügend herausgeklärt werden. Dieser durch die Menschen verursachte Eingriff hat Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem.

(Foto: Tourist-Information Friedrichshafen)
  Der Bodensee konnte erfolgreich renaturiert werden und dient heute als Trinkwasserreservoir.

Natürlicher Ablauf

In stehenden Gewässern bilden sich in den Sommermonaten einzelne Wasserschichten aus, die sich in Temperatur und Sauerstoffgehalt unterscheiden (siehe Grafik 1). Dies ist auf die Durchlässigkeit des Wassers für Licht zurückzuführen. Sie nimmt mit zunehmender Tiefe kontinuierlich ab. Die obere Schicht des Wassers, auch Epilimnion genannt, wird vom Licht durchstrahlt und damit auch erwärmt.
Hier finden Algen und andere Pflanzen die optimalen Bedingungen für ihr Wachstum und die Produktion von Sauerstoff. Es folgt eine Sprungschicht, die eine Übergangszone zwischen den Schichten darstellt. Im Hypolimnion, der untersten Gewässerschicht, wird aufgrund des Lichtmangels kein Sauerstoff mehr gebildet. Im Winter kommt es dagegen zu einer Durchmischung des Wassers, die die Schichtung aufhebt.

(Grafik: S. Scharnert, U. Gönczi).
Schichtung des Wassers im Sommer

Unter natürlichen, nährstoffarmen Bedingungen wachsen die Algen im Epilimnion mit Hilfe der Sonneneinstrahlung. Nach ihrem Absterben sinken sie in tiefere Gewässerschichten ab. Dabei werden sie von Mikroorganismen unter Verbrauch von Sauerstoff zersetzt. Ein kleiner Rest gelangt in bodennahe Schichten und wird dort unter Ausschluss von Sauerstoff abgebaut. Es wird eine geringe Menge an Faulschlamm gebildet, der innerhalb von mehreren Jahrtausenden zur Verlandung des Sees führt.


Zuviele Nährstoffe verursachen Sauerstoffmangel

Die Eutrophierung beruht auf dem selben Vorgang. Sie findet jedoch unter der Einwirkung des Menschen in ein paar Jahrzehnten, also in einer sehr viel kürzeren Zeitspanne statt. Die hohen Einträge an Nährstoffen aus Abwässern und Landwirtschaft ins Gewässer führen zu einem übermäßigen Algenwachstum. Die Oberfläche des See wird dicht mit Algen besiedelt, der von ihnen produzierte Sauerstoff geht nun aber größtenteils an die Atmosphäre verloren. Da das Sonnenlicht aufgrund des Algenteppichs nicht so tief ins Wasser eindringen kann, bekommen nicht alle Wasserpflanzen genügend Licht, um Sauerstoff zu produzieren und sterben ab. Zum Abbau dieser größeren Biomasse wird aber mehr Sauerstoff benötigt. Dadurch entsteht ein Defizit, das sich von den unteren Schichten nach oben hin ausbreitet. Bedingt durch diesen Mangel schalten die zersetzenden Mikroorganismen auf den anaeroben Abbauweg um. Im Zuge dieses Stoffwechselprozesses werden große Mengen an Faulschlamm gebildet, die die Verlandung stark vorantreiben. Zusätzlich produzieren die Bakterien Giftgase, wie Ammoniak, Methan und Schwefelwasserstoff. Diese steigen in Gasbläschen an die Oberfläche und verbreiten einen Geruch nach verfaulten Eiern.
Das Wasser ist trüb und von totem Pflanzenmaterial durchwuchert. Die meisten Lebewesen sterben durch den Sauerstoffmangel ab: Der See ist umgekippt.

 


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